Reiche Deutsche: “Der Kapitalismus schmeißt Geld nach ganz oben”

Deutschland ist immer noch eine Klassengesellschaft, sagt Bosch-Erbin und Spenderin Ise Bosch. Gespräch über Gerechtigkeit, Reichtum, Populismus und weiße Männer

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ZEIT ONLINE: Frau
Bosch, Sie wohnen in einem kleinen, idyllischen Ort, der auf den ersten Blick
wenig mit Reichtum zu tun hat. Geld spielt in Ihrem Leben keine große Rolle?

Ise Bosch: Na ja,
ein so großes Haus hatte ich noch nie in meinem Leben. Auch der Lebensstandard
meiner Eltern war eher bescheiden. Was sie besaßen, war das eine oder andere
Ferienhaus, mein Großvater war leidenschaftlicher Jäger. Meine Mutter ist mit
wenig Geld, aber viel Bildung aufgewachsen. Waldorfschule, Waldrand bei Stuttgart
– das hat meine Kindheit stärker geprägt als Geld. So wurde ich erzogen und
daran halte ich gerne fest.

ZEIT ONLINE: Ihr
Haus wirkt äußerlich genauso efeubewachsen, schlicht und norddeutsch wie das
Ihrer Nachbarn. Man würde nicht denken, dass hier eine Enkelin von Robert Bosch
lebt.

Bosch: Zeigt denn
das Haus nebenan, wer dort wohnt? Im Ernst, andere Dinge sind mir wichtiger als
Geld.

ZEIT ONLINE: Stehen
Sie damit stellvertretend für die Reichen in Deutschland?

Bosch: Durch die
Stiftung Pecunia, einem Netzwerk für Erbinnen, habe ich mittlerweile einen großen
Bekanntenkreis aufgebaut. Darunter sind auch Vermögende, die Wert darauf legen,
ihren Reichtum zu zeigen. Es gibt aber auch viele, die in ähnlichen Umständen
leben wie ich.

ZEIT ONLINE: Woher
kommt das falsche Bild in der Öffentlichkeit?

Bosch: Reichtum
ist mit vielen Klischees verbunden, der Manager mit S-Klasse und so. Aber
sind wir wirklich so kurzsichtig zu glauben, dass alle so leben?

ZEIT ONLINE:
Sprechen Sie deswegen so offen über Geld, um die Vorurteile abzubauen?

Bosch: Ja. Angefangen
hat das 2006. Damals fand das ZDF für eine Reportage über Armut in Deutschland
keinen Reichen, der sich zu dem Thema äußern wollte. Das fand ich falsch.

ZEIT ONLINE:
Warum?

Bosch: Die Armen
müssen überall die Hose runterlassen, vor dem Amt zum Beispiel. Die Reichen behalten
im Normalfall die Hosen fein oben. Dem wollte ich etwas entgegensetzen.

ZEIT ONLINE:
Vielleicht sind Sie eben doch die Ausnahme von der Regel.

Bosch: Das glaube
ich nicht. Es gibt viele reiche Menschen, die mit ihrem Geld viel Gutes tun, die
sprechen vielleicht weniger öffentlich darüber. Eigentlich ist das auch nichts
Außergewöhnliches. In unserer Verfassung steht: Eigentum verpflichtet – auch
mich.

ZEIT ONLINE: Aus
Ihrer Familie sind Sie die einzige, die so offen spricht.

Bosch: Da haben
Sie recht.

ZEIT ONLINE: Wieso
äußern sich die Reichen nicht, die nicht den gängigen Klischees entsprechen?

Bosch: Häufig haben sie Angst, missverstanden zu
werden oder persönlich Ärger zu bekommen – von Eltern, Kindern, Geschwistern. Sie
haben Angst, mit Bittbriefen überschüttet zu werden. Und ich weiß aus
Erfahrung, dass Bittbriefe kommen, allerdings viel weniger, als ich erwartet
hätte.

ZEIT ONLINE: Sie
selbst setzen sich für sexuelle Minoritäten ein. Was hätte Ihr Großvater Robert
Bosch dazu gesagt?

Bosch: Er war ja Menschenrechtler.
Im Dritten Reich hat er dafür Gefahren auf sich genommen, von denen ich heute
weit entfernt bin. Seitdem haben sich die Themen vielleicht verlagert, und ich
nehme mir die Freiheit, zu sagen, er hätte weiter Minderheiten verteidigt. Auch
mein Einsatz gegen Rassismus wäre mit Sicherheit auf seiner Linie. Mein
Urgroßvater war 1848er, ein Ur-Demokrat, und das waren auch seine Kinder. Die
waren von Rassismus oder Antisemitismus nie angefochten.

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