Nationalismus: Mit Rechten fühlen

Wir Gutmenschen sind vielleicht nicht ganz unschuldig daran, dass der nationalistische Wahn sich so breit macht. Wir haben ihn viel zu lange ertragen.

Während der Streit
darum, ob man den “Rechten” – wer immer sie sind – durch
Argumentationslogik, Podiumseinladungen und gemeinsames
Fußballspielen beikommen kann oder nicht, weiter lodert, wollen wir,
die wir Gutmenschen sind, mal etwas anderes probieren. Wir
wollen mit den Rechten ein bisschen Gefühlsarbeit machen. Das können
wir schließlich am besten, dafür sind wir da, deshalb kümmern wir uns ja auch so nett um die Flüchtlinge.

Machen wir uns also
auf die Suche: Was fühlen die Rechten? Ich meine jetzt nicht den
Zorn und die Wut und den Hass und die Verachtung, das sind ja alles
nur Reaktionen. Wäre Merkels Flüchtlingspolitik nicht, bräuchten
sie nicht zu hassen, und wären da nicht die vielen Gender-Toiletten,
bräuchten sie niemanden zu verachten, ist klar. Nein, ich meine die positiven Gefühle, das, was sie erahnen lässt, dass sie tatsächlich
ein Wir bilden, eine Identität haben, eine deutsche Identität.
Sprechen wir es nur aus: dass sie Deutsche sind. Da ist doch was. Das
kann man doch nicht einfach wegleugnen.

Ach Gott, das
Deutsche. Mir fällt dazu auch einiges ein. So ein paar
historisch-kulturelle Assoziationen. Spüren Sie den leisen Spott
Goethes, angesichts des Erfolges seines idyllischen Epos, das die
bequemste aller deutschen Antworten auf die Französische Revolution
gegeben hat? “In Hermann und Dorothea
habe ich, was das Material betrifft, den Deutschen ihren Willen
gethan und nun sind sie äußerst zufrieden”, schrieb
Goethe an Schiller, 1798. Die
Deutschen waren halt schon
immer leicht hinters Licht zu
führen, wenn
es ums Deutsche ging. Vor
allem, weil sie nicht auf die Form achten wollen und sich von Goethe reinlegen lassen, der das, was sie als ihre “deutsche Kultur”
tief empfinden, hinter ihrem
Rücken zugleich desavouiert
und mit der Weltkultur
verbindet, und es
ihnen quasi wieder wegnimmt, unglaublich
kunstvoll.

Ohne Goethe ist Deutschland
nichts. Das war sogar den Nazis klar. Die guten deutschen Bürger sind
auch zwischen 1933 und 1945 in Heerscharen nach Weimar gepilgert, um
Goethes deutschen Geist zu atmen. Aber da war ein anderer
Nationaldichter, Thomas Mann – von ihnen eben noch gefeiert – nicht
faul und sorgte dafür, dass die Deutschen in ihrem Weimar
tatsächlich nur eine leere Hülle vorfanden. Der geistige Goethe war
längst außer Landes, im Gepäck der Emigranten. Manns Büchlein Lotte in
Weimar
dokumentiert das, wieder
durch seine Form, es ist eine
meisterhafte Sammlung von
Stimmen und Sprachstilen, während
das Material den Deutschen wiederum ihren Willen tut,
von der lächerlichen
Morgenlatte bis hin zu
den noch lächerlicheren Selbstvernichtungsfantasien, die den
Holocaust imaginieren, aber
als ein Schicksal der Deutschen. Das muss man sich mal vorstellen:
Thomas Mann legt Goethe eine Prophezeiung der Vernichtung der
Deutschen in den Mund, diesem
selbstmitleidigsten aller Völker, 1939,
als der reale Holocaust von
ebendiesen Deutschen vorbereitet wurde und Thomas Mann um das Leben
seines noch in München feststeckenden Schwiegervaters fürchtete.
Toll, nicht wahr?

Frauen schreiben. In dieser Kolumne abends, um 10 nach 8, montags, mittwochs, freitags, politisch, poetisch, polemisch.

Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnenkollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen.

Hier finden Sie alle Texte, die 10 nach 8 erscheinen.

Die Redaktion von 10 nach 8 besteht aus:

Marion Detjen, Zeithistorikerin
Hella Dietz, Soziologin
Heike-Melba Fendel, Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment
Annett Gröschner, freie Autorin
Mascha Jacobs, Journalistin, Herausgeberin der Zeitschrift Pop. Kultur und Kritik
Stefanie Lohaus, Journalistin, Herausgeberin des Missy Magazine
Lina Muzur, Programmleiterin des Aufbau-Verlags
Catherine Newmark, Kulturjournalistin
Annika Reich, Schriftstellerin
Elisabeth Wellershaus, Journalistin

Wirklich,
ich habe auch so ein Ding
laufen mit der deutschen
Kultur –
Brahms, Der Ewige
Brunnen, Kohlrouladen, Weihnachtsplätzchen
I love it. Aber nur, weil
es aus tausendfältigen
Einflüssen zusammengesetzt ist, weil es in die ganze Welt getragen
wurde, wenn es in Deutschland
nicht mehr gut auszuhalten war,
und weil die Größten dieser Kultur immer sichergestellt haben,
dass die
Patrioten keinen Anspruch darauf haben,
nicht einmal auf die
Kohlrouladen. Und dass die Patrioten regelmäßig ins Leere greifen,
wenn sie
es als das Deutsche fassen wollen.
Es gibt ein Verständnis
vom Deutschsein, das ist so
gefasst,
dass jeder Versuch, es zu
vereinnahmen oder auch nur festzulegen, undeutsch
wird. Und
an diesem Paradox soll sich der Patriotismus, der
sich nur Deutschland verpflichtet fühlt, und nicht der Welt,
zu Tode würgen.

Jüngst
wurde im Buch Mit Rechten reden eine Definition
des Rechten gegeben, die die Feuilletonwelt regelrecht
besoffen machte vor Erleichterung: Rechts zu sein sei eine
bestimmte Sprechweise, und zwar eine, mit der man
glaubt, fertig werden zu
können. Die Rechten seien
solche, die ihre Setzungen
nicht begründeten,
die nur reaktiv redeten,
um die in der Krise
befindliche demokratische
Öffentlichkeit zu stören. Wenn man sie nur in eine richtige
Auseinandersetzung hole, dann müssten sie nicht mehr rechts
sein, sondern man könnte mit
ihnen in eine herrliche
Partnerschaft treten, sei es im ewigen Streite
oder sei es in der
gemeinsamen, versöhnenden
Rudolf-Borchardt-Lektüre.

Dieser
Definition hat ein
rechtsradikaler Typ,
der sich als
heimlicher
Adressat geehrt sieht,
der Ziegenritter Götz
Kubitschek, bereits eine
Absage
erteilt. (Bei gleichzeitiger
Annahme der Einladung,
über Rudolf Borchardt eine Verständigung zu versuchen.) Er
kann sehr gut ohne die Linken, und auch ohne die Nicht-Rechten, bzw. ohne Sozialisten, ohne Liberale, ohne
altmodische Konservative, ohne Humanisten, ohne Katholiken und was es
der festen
politischen Standpunkte und Überzeugungen mehr gibt. Da
sind Kubitschek und wir Gutmenschen
uns ausnahmsweise mal einig:
Die Rechte in Deutschland hat durchaus etwas Eigenes, nämlich
den völkisch-ethnisch-kulturell-politischen
Nationalismus. Kubitschek
betreibt einen Verlag und ein
“Institut für
Staatspolitik”, um
den Diskurs dahin zu bringen, dass fahnenbewehrte
Fackelzüge
zur Einschüchterung und
Bedrohung von Flüchtlingen
normal werden – noch ist
ihm dies nicht gelungen. Aber der Nationalismus ist nicht sein
Privileg, sondern kennt
überall seine Vertreter: im
System und außerhalb des Systems, im gemäßigten Spektrum und im
radikalen Spektrum, und in allen politischen Parteien, wenn
auch in der AfD in konzentriertester Form. Leute,
die meinen, man könne das Deutsche von der Welt irgendwie trennen,
und sei dann auf der sicheren Seite.

Ich
habe mal kurz
überlegt, wo meine Anschlussmöglichkeiten an
das nationale Denken
(es ist ein Fühlen!) wären.
Da ist die Verantwortungsnation, die hat mich jahrelang beschäftigt,
hier wieder ein paar
historische Assoziationen:
Die Deutschen hatten ja nach 1945 allen Grund, keine Deutschen mehr
sein zu wollen. Manche
wanderten nach Amerika aus,
natürlich am liebsten schon vor 1945, aber sehr gern auch noch
danach. Und nach dem großen Desaster wäre es für die Deutschen
eigentlich naheliegend gewesen, sich gegenseitig zu zerfleischen in
einem großen Bürgerkrieg.
Aber nein, das haben sie nicht getan, sondern stattdessen ihrem
Nationalismus wieder die Fesseln des Rechts angelegt. Sie haben für
die Menschheitskatastrophe, die “das Deutsche” angerichtet hatte,
in gewissen Grenzen Verantwortung übernommen, und
dazu gehörte auch, den “Volksdeutschen” im Osten die
Staatsangehörigkeit zu geben, die Vertriebenen zu integrieren, an
der Mauer “nicht auf Deutsche schießen” zu wollen und so weiter
und so fort. Ist ja alles löblich. In noch engeren Grenzen half die
Verantwortungsnation auch NS-Opfern und sogar Nicht-Deutschen.
Natürlich hätte sie sich besser begründen müssen. Sie hätte
meine Liebe verdient, wenn sie die Staatsnation des deutschen Reiches
1945 sang- und klanglos hätte untergehen lassen und sich aus freiem
Entschluss als Staatsbürgernation neu errichtet hätte. Dass sie das
nicht tat, gibt heute den selbst ernannten Reichsbürgern Anlass, sich im
Widerstand zu fühlen. Ich
glaube nicht mehr, dass man das reparieren kann.

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.