Lehrermangel: Mehr Lehrer! Egal, woher?

Der Engpass wird immer dramatischer. Im Osten Deutschlands unterrichten nun Pädagogen aus Polen, die nicht perfekt Deutsch sprechen. Gefährdet das die Ausbildung der Schüler?

In der Turnhalle schreitet die neue Hoffnung der Brandenburger
Schulpolitik auf und ab: Jaroslaw Gad, 35, ehemaliger Profifußballer, Fußballtrainer und
Sportlehrer in Polen. Es ist Dienstag, die zweite Stunde an der Friedensschule Grundschule in
Guben hat gerade begonnen. Gad trägt einen Trainingsanzug und verschränkt seine Arme hinter
dem Rücken. Fünfzig Schüler der 6A und 6B laufen sich warm. Ein blonder Junge mit Zahnspange
läuft in die falsche Richtung. Gad ruft laut
“Zawrócić!”,
“Zurück!”.

Es ist Gads erstes Jahr an einer Schule in Deutschland. Seit drei Monaten fährt er morgens über 50 Kilometer. Von Żary in Polen über die Neiße nach Guben in Deutschland.

Gad spricht nicht perfekt Deutsch, er klingt ein bisschen wie eine knatternde Schreibmaschine. Er verwendet hin und wieder einen falschen Artikel oder vergisst ihn ganz. Manchmal sagt er: “Oh, da fehlt mir ein Wort.” Er hat seine eigene Art gefunden, um durch die 45 Minuten zu führen: Gad überwacht Laufübungen mit strengem Blick, manövriert Schüler an den Schultern in die richtige Richtung oder spricht dann doch: polnisch. Nicht alle Schüler verstehen seine Ansagen. Aber genug, damit der Unterricht funktioniert. “Wenn ich eine Übung auf Polnisch erkläre, übersetzt ein Kind für den Rest der Gruppe”, sagt Gad und fügt schnell hinzu, dass sich das natürlich ändern wird. Jeden Abend paukt er zu Hause eine Stunde lang Vokabeln und Grammatik. “Ich komm da schon rein”, sagt Gad.

Jaroslaw Gad ist nicht der einzige polnische Lehrer, der deutsche Schüler unterrichtet. Gemeinsam mit ihm haben in diesem Schuljahr zwei weitere an der Friedensschule angefangen. Insgesamt sind fünf Polen im dreißigköpfigen Kollegium. Sie unterrichten Englisch, Sport oder Sachkunde und sogar Deutsch. Die Friedensschule liegt im Trend. Schon im vergangenen Jahr wurden in Brandenburg 32 Lehrer aus Polen eingestellt, in diesem Jahr waren es sogar 70 Pädagogen. In Sachsen arbeiten derzeit 51 Polen, in Mecklenburg-Vorpommern 20. Viele von ihnen unterrichten in Grenzstädten wie Angermünde oder Frankfurt an der Oder.

Die neuen Kollegen sollen helfen, ein Problem zu lösen, das alle Bundesländer umtreibt: In Deutschland fehlen Lehrer. Laut einer Umfrage der
Süddeutschen Zeitung
waren es zu Beginn des Schuljahres mehr als 3.000. Und der Mangel könnte noch dramatischer werden. Allein in Brandenburg wird in den kommenden Jahren etwa jeder zehnte Pädagoge in den Ruhestand gehen, pro Jahr werden rund 1.000 neue Lehrer benötigt.

Damit der Unterricht trotzdem wie geplant stattfinden kann, haben die Bundesländer in diesem Jahr bereits mehr als 2.000 Seiteneinsteiger eingestellt. Ohne pädagogische Ausbildung und manchmal eben auch ohne deutschen Pass. Mit Stellenanzeigen und Flyern wird in Brandenburg um Interessenten aus EU-Ländern geworben. In Werbevideos kann man Lehrer sehen, die begeistert von märkischen Feldern und gut ausgestatteten Klassenzimmern schwärmen. In einer Broschüre stehen Sätze wie: “Sie sollen, ungeachtet ihrer Herkunft und Voraussetzungen, im Land Brandenburg die bestmögliche Förderung und die bestmöglichen Chancen erhalten.”

Ist das die Lösung für den Mangel? Oder wird hier mit viel Aufwand der Lehrerberuf entprofessionalisiert? Diese Frage stellt sich bei den Seiteneinsteigern generell, aber auch bei den Pädagogen aus Polen. Ist ihre Ausbildung mit dem Niveau der deutschen Kollegen vergleichbar? Können Lehrer, die nicht perfekt Deutsch sprechen, Grundschülern Wissen vermitteln?

Ein Pfiff hallt durch die Turnhalle. Der neue Kollege Gad unterrichtet noch nicht allein. Schulleiter und Sportlehrer Frank Müller steht neben ihm und erklärt die nächste Übung. Als die Kinder rennen, ruft er: “Ich bin das Auge, ich sehe alles.” Müller und Gad unterrichten zusammen, weil es an der Schule nur eine Sporthalle gibt. Aber auch, weil Gad von Müller lernen kann. “Ich will die neuen Kollegen nicht ins kalte Wasser schmeißen”, sagt Müller. Deshalb lässt er im Tandem unterrichten. Auch in der Sachkundestunde sitzt ein weiterer Kollege in der letzten Bank und gibt Feedback zum Unterricht. Müller steckt viel Zeit in die Integration der neuen Kollegen. Er glaubt nicht, dass es bald wieder mehr deutsche Lehrer in Guben geben wird.

Nach dem Sportunterricht eilt Müller über den Schulhof in sein Büro, schenkt Kaffee aus der Thermoskanne ein und sagt: “Was soll ich denn machen? Südbrandenburg ist gebeutelt. Kaum ein deutscher Lehrer will hier unterrichten.” Die meisten Referendare gingen nach Berlin, Potsdam, vielleicht noch Cottbus. Gleichzeitig sei der Bedarf an seiner Schule groß gewesen.

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