Instagram: Männer, Fell und Flausch

Auf Instagram adaptieren Bartträger die Posen selfiesüchtiger Schönheitsköniginnen. Tiere sind auch oft im Bild. Frauen nie. Symptom einer postpatriarchalen Gesellschaft?

Ein Mann küsst zärtlich
die Stirn eines Pferdes, dessen Fellfarbe seiner Barthaarfarbe erstaunlich
ähnelt: Es ist ein kräftiges Rostrot, das vor dem blauen Himmel leuchtet. Sattgrün und feucht glänzen die Wiesen im Hintergrund. Der
Schweif des Pferdes weht, wie das hüftlange Haupthaar des Mannes, sanft im
Wind. 

Was
wie eine alternative Szene aus dem Pferdeflüsterer oder eine Ausgabe der
Wendy für große Mädchen wirken mag, ist tatsächlich ein Foto auf einem
Instagram-Account. Der so zärtliche Mann heißt Tibor Pusch
und bezeichnet
sich selbst als “slowakischer Wikinger” und Naturliebhaber. Ach ja, außerdem
töpfert er. Er könnte aber ebenso gut in einer dieser skandinavischen
Viking-Metal-Bands einen axtförmigen Bass schwingen oder der Harfe ein paar warme Töne entlocken. Etwas deplatziert in dieser sanften
Ich-Erzählung wirkt sein speerförmiges Piercing, das ihm unterhalb der Lippe aus
dem Gesicht ragt, locker vier Zentimeter ist es lang. Der Stachel im Gesicht,
so viel lehrt uns wohl die Psychoanalyse, ist phallisches Symbol und
Abwehrmaßnahme zugleich. Keine Frau kann diesen Mann bestürmen oder küssen,
obwohl sein üppiges Gesichts- und Kopfhaar sie dazu verführen mag, ihre Finger in seinem Haar zu vergraben.

Die Bilder auf seinem Account senden also eine seltsam hybride Botschaft: Dieser Wikingertyp wirkt, als wolle
er jeden Moment auf ein Langschiff springen und – sagen wir – den
amerikanischen Kontinent erobern. Dort angekommen, würde er allerdings nur die
lokalen Rinder streicheln. Oder eben Welpen. Das ist auf Fotos nicht nur
ungeheuer ästhetisch und instagramkompatibel. Es generiert auch Zehntausende
Likes und Emojis, denen Herzen aus den Augen springen.

Die Mischung aus Härte
und Zartheit, vermeintlicher Natürlichkeit und Naturverbundenheit ist nicht nur
das haarige Gegenbild zur eher homoerotischen Ikonografie des
Tankwart-Erotikkalenders, dessen Hauptzielgruppe vermutlich nicht Frauen
sind. Diese Instagram-Bilder richten sich, so wirken sie jedenfalls,
an wahlweise pubertierende Mädchen oder an Hausfrauen um die fünfzig, die sich beim
Blick auf ihren vielleicht bierbäuchigen Partner fragen, ob es nicht doch noch
mehr geben könnte da draußen. Vielleicht so einen Wikingertypen, der einen im
häuslichen Hof überfällt und dann – aber ach, ich schweife ab!

So ganz taugen die Bart
und Welpen tragenden Männer von Instagram ohnehin nicht zum Sexobjekt. Ihre
Duckfaces und stilisierten Posen beim Spiegelselfie unterlaufen den urigen
und kernigen Eindruck. Im Adaptieren der weiblichen Klischeeposen – den Oberkörper
zur Taillenverschlankung leicht eingedreht, unterwürfig in die erhöhte Kamera
blickend – geht jede sexuelle Wirkung des behaarten Astralkörpers verloren.

Nun könnte man
einwenden: Auch ein sanfter Mann kann sexy sein. Und was ist so
schlimm am Gender-Bending? Nur betreiben diese Männer gar kein echtes
Gender-Bending, oder anders: Sie verstellen sich, geschlechterstereotypisch
betrachtet, etwas zu sehr. Es ist ein wenig wie bei einer Dragqueen: Deren
Stilvorbild sind auch nicht brave mütterliche Hausfrauen, sondern die
klassischen Filmdiven der Vierzigerjahre. Die waren allesamt androgyne Ikonen und
bisweilen echte Walküren – man denke an die Dietrich oder Zarah Leander.

Frauen schreiben. In dieser Kolumne abends, um 10 nach 8, montags, mittwochs, freitags, politisch, poetisch, polemisch.

Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnenkollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen.

Hier finden Sie alle Texte, die 10 nach 8 erscheinen.

Die Redaktion von 10 nach 8 besteht aus:

Marion Detjen, Zeithistorikerin
Hella Dietz, Soziologin
Heike-Melba Fendel, Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment
Annett Gröschner, freie Autorin
Mascha Jacobs, Journalistin, Herausgeberin der Zeitschrift Pop. Kultur und Kritik
Stefanie Lohaus, Journalistin, Herausgeberin des Missy Magazine
Lina Muzur, Programmleiterin des Aufbau-Verlags
Catherine Newmark, Kulturjournalistin
Annika Reich, Schriftstellerin
Elisabeth Wellershaus, Journalistin

Das heißt, in diesen
Frauen schimmerte das Element von Männlichkeit auf, das von Dragqueens
geschickt persifliert wird. Alles, was dann als “genuin weiblich” hinzukommt – vor
allem Make-up und Frisur – wird so grotesk überzeichnet, dass es sich selbst
schon wieder als Maske kenntlich macht. Mit anderen Worten: Der Drag ist ein
Zeichenspiel, bei dem es nicht darum geht, dass ein Mann zur Frau wird, sondern
dass in der Maske eines Mannes die Frau als Zeichen aufscheint und zugleich
verzerrt wird.

Und so ist es nun auch
bei diesen Instagram-Männern: In ihren entengesichtigen Selfies scheint das
Zerrbild der narzisstischen Frau auf, die sich im x-ten Selfie in der
immer gleichen Pose ihrer Schönheit und der Treue ihrer Follower versichert. Und
obgleich der Narzissmus traditionell Frauen zugeschrieben wird, ist er eben
nicht zu verwechseln mit Weiblichkeit oder dem Habitus der Frau.

Zudem zeigen die Bilder
vieler Instagram-Männer etwas, das der Soziologe Erving Goffman mit Blick auf
Frauen in Werbebildern als “feminine” Berührung bezeichnete. Es ist eine Form
von ritualisierter Berührung, ein zartes Handauflegen anstelle eines festen
Griffs. Da legen sich manikürte Hände auf treue tierische Begleiter – beliebt
sind Huskies, weil sie, wie der berührende Mann, wild und sanft zugleich sind.
Nur eines fehlt in den Bildern vollständig: die Frau.

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