Frankreich : Ihr Karrierestart wäre heute ein Fall für MeToo

Mit 18 gelang ihr der Durchbruch, nun ist sie im Alter von 70 Jahren gestorben: Die französische Sängerin France Gall stand Zeit ihres Lebens für Jugend und Lebensfreude.

Das Spiel hieß “Hitparade” und es ging so. Die Stiege eines
alten niedersächsischen Speicherschuppens war die Showtreppe. Ein
ausrangierter Gardinenzuzieher diente als Mikrofon. Eins der Mädchen,
die sich vor dem Treppenspeicher versammelten, war der Schlagerstar, die
anderen die beinharte Jury. Es galt, engelsgleich bis majestätisch die
knarzende Stiege hinunterzuschweben und gleichzeitig so souverän wie
mögich ein Lied zu singen. Auswendig, ist klar. Die wie zufällig vorbei
marodierenden Nachbarsjungen und Brüder übergossen uns dabei gerne mit
Hohn und Spott.

Ins Speicher-Repertoire schafften es nicht nur die Aktualitäten der ZDF-Hitparade des
Jahres 1972 wie Juliane Werdings Drogenballade “Am Tag, als Conny
Kramer starb” oder Mary Roos’ “Nur die Liebe lässt uns Leben”, sondern
auch die Hits der späten Sechziger. Und von denen bekam “Zwei Apfelsinen
im Haar” zuverlässig die meisten Lacher beim “Hitparaden”-Spiel. Weil
die nachzuahmende Stimme so grell und frech und der Text so bekloppt
war. “Zwei Apfelsinen im Haar / und an der Hüfte Bananen / trägt Rosita
seit heut’ /zu einem Kokosnusskleid.”

All das ist plötzlich wieder da. Denn France Gall ist gestorben,
die Französin, die 1968 die deutsche Version von “A Banda”, einer
fröhlichen Samba von Chico Buarque sang. Sie verstarb am Sonntag in
Paris, an Krebs, mit 70 Jahren. Dabei ist sie in der verblassten
Erinnerung immer jung, immer sonnig, immer wonnig geblieben. Und ihr
Sopran so metallisch und kraftvoll.

Selbst ihr anderer deutscher Hit,
die 1988 herausgekommene Ella-Fitzgerald-Hommage “Ella, elle l’a”, eine
federleichte, elegante Popnummer, hat das Bild des zarten blonden
Mädchens im kurzen Rock nicht auslöschen können. Obwohl France Gall da
längst wie Blondie aussah und die Transformation vom Schlagermädel zur
selbstbewussten Pop- und Rocksängerin längst vollzogen hatte.

Walter
Giller moderiert sie in einem Youtube-Video vom Deutschen
Schlagerwettbewerb 1968, bei dem sie in Berlin das Lied “Computer Nr. 3”
zum Besten gibt, mit den Worten an, dass die Amerikaner sie “kleine
französische Puppe” nennen. Und er sieht wenig froh aus dabei. So wenig
wie France Gall, die am 9. Oktober 1947 in Paris als Isabelle Geneviève
Marie Anne Gall geboren wurde, später über ihre überaus erfolgreiche
französische und deutsche Chanson- und Schlagerkarriere der Sechziger
und Siebziger erfreut sein wird.

Wiederholt
äußert die von ihrem Vater, dem Textdichter und Sänger Robert Gall,
schon mit 15 auf die Karriereschiene gehievte Sängerin, dass sie sich
ungern an diese Zeit erinnere. Die ist ganz maßgeblich mit einem Mann
verknüpft, der sich in der Pose des frivolen Jugendverderbers und
Skandal-Chansonniers gefiel – mit Serge Gainsbourg.
Der hat den eigenen Ruhm maßgeblich gemehrt, in dem er nicht nur die
Freundin Jane Birkin und die gemeinsame Tochter Charlotte, sondern auch
France Gall als Lolita inszeniert.

Das Lied “Poupée de cire, poupée
de son”, mit dem die Sängerin 1965 für Luxemburg den Grand Prix
Eurovision de la Chanson gewinnt, stammt von ihm. Der hat der jungen
Unschuld auch den Titel “Les sucettes” (Die Lutscher) geschrieben, der
vermeintlich von einem zuckerigen Dauerlutscher handelt, im Subtext aber
von Oralverkehr erzählt. France Gall, die damals 18 ist, realisiert das
erst, als Gainsbourgs Provokation aufgeht und die Nummer Aufsehen
erregt. “Ich war schockiert, als ich den wahren Sinn erfuhr und traute
mich wochenlang nicht aus dem Haus.” Zwar habe sie gewusst, dass
Gainsbourg für Doppeldeutigkeiten gut sei. Aber dass er und ihr Manager
ihr sowas unterjubeln, habe sie sich einfach nicht vorstellen können.
Ein Satz, der im Zuge der heutigen “MeToo”-Debatte ein Schlaglicht auf die Instrumentalisierung von jungen Frauen in der damaligen Musikbranche wirft.

France
Gall verlässt 1966 Frankreich und konzentriert sich für ein paar Jahre
auf den deutschen Markt. So richtig wohl fühlt sie sich als Interpretin
aber erst ab Mitte der Siebziger, als sie den Komponisten Michel Berger,
ihren späteren Ehemann, kennenlernt. Aus dieser Symbiose stammen
Klassiker des Popchansons wie “La déclaration” und “Aime-la”. Auch in
den Achtzigern ist ihr Erfolg mit Songs wie “Èvidemment” ungebrochen.
Doch nach dem von ihr nur schwer verwundenen Tod ihres Ehemanns sowie
dem Tod einer Tochter in den Neunzigern veröffentlicht sie nur noch
gelegentlich Lieder. Die Ritterin der französischen Ehrenlegion
engagiert sich lieber – für obdachlose Frauen.

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