Biometrie: Zugang zu staatlichen Datenbanken zu verkaufen

Neues Geschäftsmodell: Unternehmen können Kundenfotos mit Bildern aus Führerschein-, Visa- und Ausweisdatenbanken abgleichen. Australiens Regierung will daran verdienen.

Überwachungskapitalisten erzielen Gewinne aus der
Beobachtung, Berechnung und Beeinflussung des Menschen. Die
Harvard-Professorin Shoshana
Zuboff hat den Begriff geprägt
und dabei vor allem ein Unternehmen im Blick gehabt: Google. Dass
sich diese Form des Kapitalismus mit dem Überwachungsstaat vermengt,
ist bei Zuboff eher eine Randnotiz.

Aber die
australische Regierung wird möglicherweise ein Paradebeispiel dafür
liefern. Wie
der Guardian durch eine Anfrage nach dem
Informationsfreiheitsgesetz erfuhr, erwägt sie, Unternehmen
gegen Gebühr eine Mitnutzung der staatlichen Gesichtsdatenbank zu
gestatten. Je nach Ausgestaltung könnte das eine ernsthafte
Bedrohung für Menschen werden, die Wert auf ihre Anonymität im
Internet legen.

Dokumente aus dem
Justizministerium beschreiben ein für 2018 vorgesehenes
Pilotprogramm mit den großen Telekommunikationsanbietern des Landes.
Die könnten Bilder ihrer Neukunden zur Verifikation ans sogenannte
Biometric Interoperability Hub senden, wo sie mit denen des Bundes
und der australischen Bundesstaaten abgeglichen würden. Die Firmen
bekämen dann ein Ja oder Nein als Antwort, je nachdem, ob das von
ihnen geschickte Foto die gleiche Person zeigt wie der entsprechende
Datenbankeintrag der Regierung. Sie also bekämen keinen direkten
Zugriff auf die Daten des Staates.

Neben Providern
zeigen auch Banken großes Interesse an der Methode. Sie wäre eine
Alternative zum (nicht
immer sicheren) Video-Ident-Verfahren, das in Deutschland
eingesetzt wird. Dabei halten Kunden ihren Ausweis vor die Kamera
ihres Smartphones oder Laptops und kippen ihn hin und her, damit die
Sicherheitsmerkmale für den Mitarbeiter des Unternehmens sichtbar
werden.

Etwa die Hälfte der
australischen Bevölkerung ist bereits in der staatlichen Datenbank aufgeführt, zum Beispiel mit Ausweis- oder Führerscheinfotos.
Mindestens 85 Prozent sollen es werden. Für Unternehmen, die etwa
bei Vertragsabschlüssen auf diesem Wege verifizieren wollen, wer
ihre Kunden sind, wäre so eine Abdeckung wichtig.

Schon heute können
australische Unternehmen zu diesem Zweck die Datenbanken des Staates
mit ihren Kundendaten abgleichen. Ausweis, Visum, Führerschein
und andere Dokumente – nur eben ohne Fotos – stehen
dafür zur Verfügung. 15,5 Millionen Abfragen verzeichnete die
Regierung im Jahr 2016. “Dies hat uns eine regelmäßige und
wachsende Einkommensquelle beschert, um weitere
Sicherheitsinitiativen zu finanzieren”, heißt es in den Unterlagen
des Justizministeriums. Eine Ausweitung auf die Bilddatenbank “könnte
ähnliche Vorteile bringen”.

Mit anderen Worten:
Die Regierung finanziert den Ausbau des Überwachungsstaates auch,
indem sie ihre Datenbanken für Unternehmen öffnet.

Im Detail sind die
Pläne bisher nicht bekannt. Klar ist nur, dass die teilnehmenden
Firmen sich an australische Datenschutzgesetze halten, verbindliche
Verträge mit dem Commonwealth schließen und die Einwilligung ihrer
Nutzer einholen müssen.

Bürgerrechtler und
Aktivisten fürchten erstens, dass Unternehmen mit dem System einen
Anreiz bekämen, eigene Bilddatenbanken aufzubauen, also noch mehr
Kundendaten zu sammeln als bisher. Zweitens sei die Einwilligung der
Nutzer in den Bildabgleich nicht mehr freiwillig, wenn sie
andernfalls kein Bankkonto eröffnen oder einen Mobilfunkvertrag
bekommen könnten. Drittens kritisieren sie die mangelnde Transparenz
der Regierung, die bisher nicht einmal verraten will, mit welchen
Unternehmen sie über ein mögliches Pilotprojekt redet.

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