Angela Merkel: “Die CDU schrumpft zur Sekte, wenn sie sich nicht anpasst”

Klöckner, Ziemiak, Spahn: Viel mehr junge Hoffnungsträger hat die CDU nicht, sagt der Politologe Jürgen W. Falter. Aber eine Erneuerung brauche die Partei.

ZEIT ONLINE: Herr Falter, ist Angela Merkel schuld an der Überalterung ihrer Partei?

Jürgen W. Falter: Die CDU hat es sichtlich versäumt, konsequent Nachwuchs zu fördern. Da hat die Partei und damit auch Angela Merkel strategisch versagt. Andererseits: Junge Leute in einer überalterten Partei durchzusetzen, ist auch nicht einfach.

ZEIT ONLINE: Nun wird diskutiert, die CDU müsse sich verjüngen, mehr Nachwuchspersonal in Spitzenämter wählen. Wer außer dem CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn hätte dabei noch Chancen?

Falter: Paul Ziemiak, der Vorsitzende der Jungen Union, gehört dazu. Auch Parteivize Julia Klöckner, eine Mittvierzigerin. Innerhalb der Spitze ist sie eine der Jüngeren. Merkel ist fast 20 Jahre älter als sie. Weitere jüngere Kräfte fallen einem kaum noch ein. Daniel Günther, der 44-jährige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, wäre noch einer, der demnächst aufrücken könnte.

ZEIT ONLINE: Annegret Kramp-Karrenbauer, die Ministerpräsidentin im Saarland?

Falter: Sie zählt streng genommen nicht mehr zu den Jüngeren. Sie müsste zudem erst aus dem Schatten der Provinz hinaustreten und bundespolitisches Profil erlangen. In Nordrhein-Westfalen gibt es Kreise, in denen leben mehr Menschen als in dem Land, das Kramp-Karrenbauer regiert.

ZEIT ONLINE: Schon nach der Bundestagswahl 2013 wurde kolportiert, Merkel werde nach zwei Jahren zurücktreten. Nach der Wahl im vergangenen Jahr gab es ähnliche Stimmen. Merkel selbst sagt nun, dass sie weitere vier Jahre regieren wolle.

Falter: Merkels Rückhalt beim Wähler ist gesunken. Vielen Wählern ist klar geworden, dass sie viele einsame Entscheidungen über das Parlament hinweg getroffen hat: Der Atomausstieg, das Offenhalten der Grenzen in der Flüchtlingskrise, die Eurorettung und die faktische Abschaffung der Wehrpflicht. Sie hat die CDU dorthin getrieben, wo viele Unionswähler sie nicht haben wollten: In die Mitte des politischen Spektrums, weg von den früheren Mitte-Rechts-Positionen. Die wirklich Konservativen in ihrer Partei hat sie entmachtet oder mundtot gemacht.

ZEIT ONLINE: Und hat ihr das innerhalb der Partei geschadet?

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